Die Debatte hat eine jahrhundertealte Tradition: Stellung beziehen, Gründe nennen, Kritik vortragen. Sie ist die Voraussetzung für gelebte Demokratie. Doch mit der Zulassung aller zum öffentlichen Diskurs, wie ihn das Internet ermöglicht, haben zentrale Regeln des Debattierens keine Gültigkeit mehr. Droht uns damit ein Sittenverfall? Alexander Pschera – Gesellschafter, Autor und Publizist – befasst sich kritisch mit der Bedeutung einer guten Debattenkultur und deren Zukunft im digitalen Zeitalter.

Annäherung an den Begriff Der Debatte

Die Debatte – ein Streitgespräch. Debattieren heißt: Stellung beziehen, Gründe nennen, Kritik vortragen. Gute Debatten sind die Voraussetzung für gelebte Demokratie und ein funktionierendes Zusammenleben. Gerade in einer Gesellschaft wie unserer, die zunehmend vielfältiger und mit immer gegensätzlicheren Standpunkten konfrontiert wird. Sobald wir in Rede und Gegenrede klären, was bei einer wichtigen Entscheidung zu bedenken ist, steigen die Chancen, dass bessere Entscheidungen getroffen werden. Mit fortschreitender Digitalisierung drängt sich jedoch die Frage auf, ob die Debatte und mit ihr die wohl überlegte Entscheidungsfindung möglicherweise gefährdet ist. Bietet der digitale Raum des Internets eine neue Form der Möglichkeit zum Debattieren, eine neue Kulturstufe des kollektiven Diskurses, oder ist er die Zerstörung einer jahrhundertealten Tradition?

Von Platon bis ins Mittelalter: Die Tradition der Debatte

Debattieren ist ein bayerischer Volkssport. Und es ist zu beobachten, dass dieser Form des Diskurses immer eine Lebendigkeit – gar eine gewisse Form der Aggression – innewohnt, weil man die andere Seite sowohl argumentativ als auch mit rhetorischen Mitteln von der Richtigkeit des eigenen Standpunkts überzeugen möchte. Das spiegelt sich schon in der Etymologie des Begriffs wider, der sich vom französischen „débattre“ herleitet, was so viel wie „niederschlagen“ heißt. Es geht also nicht nur um Wahrheitsfindung, sondern auch darum, die Gegenseite zu besiegen.

Die ersten greifbaren Formen der Debatte sind der platonische Dialog und die aristotelische Rhetorik – zwei entgegengesetzte Formen, die bis heute die Leitplanken jeder Streitkultur bilden. Platon suchte in seinen dialektisch operierenden Dialogen die Wahrheit im Austausch von Argumenten, Aristoteles definiert die Rhetorik als die Kunst, „bei jeder Sache das möglicherweise Überzeugende zu betrachten“ – wozu auch das Ethos, also die Glaubwürdigkeit des Redners, und das Pathos, also der emotionale Zustand des Zuhörers, gehören. Die nächste Form der abendländischen Debatte mag man in der mittelalterlichen Scholastik finden. Die scholastische Methode gab eine bestimmte Argumentationsstruktur vor, die auf dem Prinzip der Ableitung, der Deduktion, beruhte. Diese Methode war – ebenso wie Dialektik und Rhetorik – ein erlernbares Handwerk, das aber Voraussetzung zur Teilnahme am Diskurs war.

Anerkannte Debattenkultur: Politik und Journalismus

Einen großen Sprung machte die Geschichte der Debatte mit dem Zerfall der traditionellen Staats- und Gesellschaftsordnungen. Im demokratischen Zeitalter war der Zugang zur Debatte nicht mehr so stark von Voraussetzungen abhängig, und er war auch nicht mehr nur auf die Bildungseliten – Philosophen und Theologen – beschränkt. Die demokratische Debatte wurde zu einem Modus der gesellschaftlichen Meinungsbildung. Es ging immer weniger um absolute Wahrheiten, sondern vielmehr um politische Standpunkte. Die parlamentarische Debattenkultur, die sich aus den Generalständen entwickelte, und die journalistische Debattenkultur als Ergebnis der Pressefreiheit sind zentrale Formen der gesellschaftlichen Debatte, die sich bis heute erhalten haben. Sie folgen geschriebenen und ungeschriebenen Regeln, die zur Wahrung des diskursiven Prozesses entstanden sind. Dennoch ist auch in diesen beiden Debattenkulturen der Zugang zum Diskurs reglementiert: Es debattieren Stellvertreter für die Allgemeinheit – gewählte Politiker oder Berufsjournalisten. Diese Struktur hatte bis zur Entstehung des Internets und vor allem der sozialen Medien absolute Gültigkeit. Der exklusive Zugang zur öffentlichen Debatte war der mehr oder weniger sichere Garant für die Einhaltung jener Regeln.

Das Internet hebelt die Regeln des Debattierens aus

Mit der Zulassung aller zum öffentlichen Diskurs, wie ihn das Internet ermöglicht, wurden die Karten neu gemischt. Zentrale Regeln des Debattierens – Redezeit, Tonalität, Moderation etc. – haben seither keine Gültigkeit mehr bzw. müssen neu definiert werden. Soziale Plattformen und Online-Portale der Medien sind genau damit überfordert. Sie kämpfen seit Jahren darum, die Flut der Meinungsäußerungen zu kanalisieren, zu moderieren oder aber auch zu sanktionieren. Die kollektive Meinung ist – so hat man mitunter den Eindruck – zu einem Kampf aller gegen alle geworden. Ihr Wert scheint mitunter fraglich. Der Diskurs wird nicht mehr von gezielter Wahrheitsfindung und der leidenschaftlichen Für- und Widerrede bestimmt, sondern von Lügen, Ablenkungen und Verwässerungen. So jedenfalls definiert sich das postfaktische Zeitalter, in dem wir uns seit Kurzem mehr oder minder offiziell befinden. Wichtig ist nicht mehr, ob Argumente schlüssig oder überzeugend sind, sondern ob sie zur eigenen, bestehenden Gefühlswelt passen. Die Glaubwürdigkeit der Medienberichterstattung hat stark gelitten, viele Menschen greifen stattdessen ungeprüft auf einseitige und oft falsche Informationen aus den sozialen Medien zurück. Die jahrhundertealte Tradition der Debatte ist in Gefahr und mit ihr das Vertrauen in Politik und Journalismus. Auf guten Debatten basiert jedoch unsere Demokratie. Wenn wir also unsere beiden elementaren Debattenkulturen einbüßen, müssen wir sie adäquat ersetzen. Kann die digitale Debatte das leisten?

Diese Frage lassen wir an dieser Stelle mal so offen stehen. Fühlen Sie sich aber herzlich eingeladen, Ihre Gedanken dazu in den Kommentaren zu hinterlassen. Debattieren Sie!
Wir werden möglichen Antworten auf diese Fragestellung in den kommenden Wochen im Rahmen weiterer Blogbeiträge nachgehen – im Gespräch mit Journalisten und Kommunikationsexperten.

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