Pflichtlektüre für Phobiker und Naive

„Die Internetindustrie arbeitet intensiv an der Erhöhung der kollektiven Dummheit“ – und sie verdient gut daran. Harald Welzer bietet uns mit seinem Buch „die smarte Diktatur“ keine leichte Kost. Es ist ein leidenschaftlicher, fast schon verzweifelter Appell an seine Leser, demokratische Grundrechte, die wir alle für selbstverständlich halten, zu verteidigen. Dabei geht er ziemlich in die Tiefe, zieht den Leser mit einer Mischung aus Zynismus und Engagement, aus Zitaten und Erlebtem in sein Thema. Und es ist ein bitteres Thema.

Werden Konsumenten dressiert? Welzer geht noch weiter: Aus der Konsumgesellschaft ist eine Überwachungsgesellschaft geworden. Wir bekommen nur Standardisiertes vorgesetzt, es fehlt die Überraschung, das Fremde, das uns verändern kann. Und wie soll Demokratie funktionieren, wenn man nur bekommt, was man gesucht hat?

Es ist ein weitgespannter Bogen, der uns hier präsentiert wird. Die radikale Vereinfachung der Welt, die Unterschiede verwischen will und Kulturen sterben lässt, geht Hand in Hand mit der schnellen Umverteilung von Vermögen und Macht von öffentlich zu privat. Der Effekt: „räuberische Formationen“ und eine Welt, in der jeder die Gestapo des anderen ist. Ein Alptraumszenario, das leider sehr glaubwürdig belegt wird. Denn der Sprung von digital zu analog, von Hassposts zu realer Gewalt findet bereits statt. So leben wir bereits in der neuen Welt, in der die hochgelobten demokratischen Werte und Rechte immer mehr ausgehöhlt werden.

Harald Welzer by Martin Kraft photo.martinkraft.com

Foto: Martin Kraft / photo.martinkraft.com

Harald Welzer ist ein deutscher Soziologe und Sozialpsychologe. Er ist Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung „Futurzwei“ und seit Juli 2012 Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg. (wikipedia.org)

Schade, denn die digitale Welt hat, wie alles, zwei Seiten. Die glänzend schöne davon sehen wir jeden Tag – die Möglichkeit, als Konsument Einfluss zu nehmen und bessere Preise zu bekommen, die Einfachheit, mit der heute vieles einfach online erledigt werden kann, die umfassende Information oder Zugang zu Bildung, die vielleicht aber bereits ein bestimmtes Denken voraussetzt. Unser Leben ist tatsächlich komfortabler geworden – doch wir zahlen dafür einen Preis. Welzer meint, er ist zu hoch. Ob er Recht hat, wird sich wohl bald herausstellen.

Erschreckt hat mich auch ein Gedanke: wir können uns die Welt nicht mehr positiv vorstellen. Der Zukunftsoptimismus der 50er und 60er Jahre ist uns fremd und vielleicht haben wir ja tatsächlich den besten Teil der Zukunft schon hinter uns? Der Grund mag in der Überforderung liegen, die uns die immer komplexere Welt beschert. Und in der Sedierung durch den schnellen, einfachen Konsum. „Die digitale Epoche … liefert schon jetzt die perfekte Ausstattung für eine sedierte Gesellschaft phantasiefreier Konsumzombies.“ Wer findet sich da nicht gerne wieder?

Wie kann man der endlosen Konditionierungsschleife entkommen?

Welzer hat sich viel vorgenommen: Zusammenhänge in einer extrem komplexen Welt zu beschreiben – von Konsumgesellschaft zu Artensterben, Umweltzerstörung zu sozialer Gerechtigkeit – aber er schafft es brilliant, diesem Anspruch im Laufe seines Buchs gerecht zu werden. Offen bleibt aber, was er der Wachstumsideologie entgegensetzen will. Ist weglassen können tatsächlich die Lösung – wie lernt man nur (ohne Zwang) mit weniger besser zu leben?

Wie kann man der endlosen Konditionierungsschleife entkommen? Einige fast wie Dada anmutende Vorschläge haben mich gegen Ende des Buches schmunzeln lassen. Und einige positive Beispiele gelebter Demokratie, umgesetzter Freiheit setzen dem fast durchgehenden Pessimismus wieder etwas Hoffnung entgegen.

Ob Welzer recht hat? Für mich ja. Ob ich etwas tun werde? Kaum. Komfort macht bequem (und steuerbar) und es fällt schwer, auf die vielen kleinen Annehmlichkeiten zu verzichten. Wieviel einfacher ist doch der freiwillige Verzicht auf Freiheit, auf die selbstverständlich gewordenen Rechte.

Lesen oder lassen?

Ein Muss. Vielleicht nicht für Menschen, die ihre Phobien schon recht weit ausgebildet haben – eher für die vielen Smartphone Nutzer, die, wie der Autor sagt, eine achselzuckende Unaufgeregtheit zeigen angesichts einer spektakulären Dimension der Veränderung.