Philipp Hühne

Philipp Hühne

Account Director Digital Communication bei Maisberger
Philipp Hühne ist Maisberger Weltenwandler: einer ersten Sozialisierung in der klassischen PR folgte die schritt- und sprungweise Erschließung weiterer analoger und digitaler Kommunikationsdisziplin. Sieht die Unternehmenskommunikation als großes Orchester, das aufeinander abgestimmt werden muss. Liebt Musik und Milchspeisen. Hat eine Abneigung gegen Croques und Hater (…).
Philipp Hühne
credits: Hayden Noble


				

Als Berater für digitale Kommunikation und Blogger für das Unternehmensblog besteht immer die Gefahr, zum Gefangenen von Nutzwertbeiträgen zu verkommen. „5 Fehler, die Sie bei der Recherche für ihren nächsten Blogbeitrag vermeiden sollten.“ Listicles und educating content noch und nöcher. Und so stürzt man sich in seine Subreddits, Pocket, feedly, Twitter, Quora oder was auch immer man als Content Jäger und Sammler von heute so an digitalen Schatztruhen nutzt, um nach Ideen und Input zu recherchieren.

Kurz durchatmen, selbst ohrfeigen (Gedanke reicht) und einen Kaffee holen. Dort treffen sich ja die Kreativen. Hm, keine da. Aber im Mülleimer liegt leicht lädiert von Teebeuteln (wer trinkt denn Anis-Tee?) und warm-feuchten Kaffeepulver ein Buch der New York Times. Jaja, das Leben als Bürohengst kann einen durchaus an seine Grenzen bringen. Egal: reinlangen, rausholen, aufblättern. Tschernobyl-Logger, Obama in London, irgendwas aus Cruz’s College Vergangenheit und ein Artikel über Amerikas Betonfrisur des Jahres Donald Trump und zack da war sie die Perle: „Buddy check on 22!“.

Ist Social Media die gesellschaftlich transformatorische Verheißung schuldig geblieben?

Im Zuge des 2010 proklamierten arabischen Frühlings galten Twitter und Facebook als neue Demokratisierungswunderwaffen, die der Frau und ihrem männlichen Pendant endlich eine Stimme gaben und Möglichkeit zur Organisation gegen die Regierenden boten. Silicon Valley CEOs setzten sich gegenseitig Heiligenscheine auf und die Welt schien sich so zu entwickeln, wie es sich der Westen immer gewünscht hat. Anno 2016 ist die Weltpolitik schwer verkatert aufgewacht und bei allem Tech-Optimismus machen sich auch Stimmen breit, die die Digitalisierung nicht mit der industriellen Revolution auf eine Stufe stellen. So meint der US-Ökonom Robert J. Gordon, dass mobile Apps und Social Media im Grunde kaum etwas zur Steigerung von Produktivität und Wohlstand beigetragen hätten. Puh, das große Rad…

Aber nein. Denn der Artikel, denn ich da zwischen den Agentur-Treibstoffresten gezogen haben, ist zwar nur partiell auf unsere deutsche Lebensrealität adaptierbar, aber trotzdem erwähnenswert, denn:

  1. Er sorgt dafür in einer kleinen Geschichte die positive Kraft der Digitalisierung zu erkennen.
  2. Er entschleunigt und sorgt für den notwendigen Abstand. Denn seit Social Media von Marketing okkupiert wird, muss man aufpassen, dass man nicht den kreativen Umgang mit den Medien verlernt.

Hm, das war jetzt schon fast eine Liste; aber den Absprung gerade noch geschafft. Zurück zur Geschichte, die im Folgenden grob umrissen wird.

Ein Vater, dessen Sohn nach einem Kriegseinsatz Selbstmord beging, versucht über eine Social Media Challenge Aufmerksamkeit für das Thema „Selbstmord unter Soldaten nach Kriegseinsätzen“ zu erregen.

Buddy Check on 22 – wie US-Kriegsveteranen Facebook gegen Selbstmord nutzen

Der 22. jeden Monats ist in den Vereinigten Staaten für tausende Veteranen und Soldaten im Dienst ein Reminder sich mit ehemaligen Kriegskameraden zur Vorbeugung von Selbstmord in Kontakt zu setzen. Laut einer Studie begingen im Jahre 2010 täglich 22 Veteranen Selbstmord. Das erklärt die Verbindung zum 22. jeden Monats. Ein ehemaliger Army Sergeant aus Kalifornien macht den monatlichen Call „Buddy Check on 22. Where are my warriors?“ über eine Facebook-Gruppe mit ehemaligen Kameraden, die im Irak und in Afghanistan stationiert waren.

Es mag amerikanisch-pathetisch klingen, aber solche Facebook-Gruppen halten die Verbindung zu denen, mit denen man gemeinsam Seite an Seite gekämpft hat. Denn das ist das Problem: Nach dem Einsatz im fernen Kriegsgebiet herrscht bei den Soldaten häufig eine große innere Leere und die Kameraden sind plötzlich wieder im ganzen Land verteilt, aber nicht mehr in greifbarer Nähe. In Interviews gaben viele Soldaten zu Protokoll, hauptsächlich auf Social Media Seiten nach Unterstützung zu suchen. Denn hier sind die ehemaligen Einheiten nur einen Tastendruck weit entfernt. Und so nimmt der Kontakt zu den Kameraden neben konventionellen Therapien die wichtigste Rolle bei der Verarbeitung der Kriegserlebnisse ein. Die Erklärung bzw. die Denkweise der Soldaten hinter diesem Ergebnis ist einleuchtend: Stallgeruch. Kann ein Arzt, der nie feindlichem Feuer ausgesetzt war, überhaupt der Richtige sein, dem ich meine Probleme erzähle. So hilft man sich einfach gegenseitig, betreibt Vorsorge, indem man Google Docs mit Notfallnummern gemeinsam verwaltet und versucht ad hoc einzugreifen, wenn jemand seine Depressionen oder Selbstmordgedanken öffentlich oder halböffentlich mitteilt.

So wurde in 2015 in der Gruppe ein Screenshot vom Beitrag eines Veterans gepostet, der mit Selbstmordgedanken spielte. Auf die Anweisung „let’s find this guy!“ begann eine Crowdsharing-Aktion, die dem Mann am Ende das Leben rettete.

Social Media bietet Hilfe zur Selbsthilfe

Löst man sich von dem amerikanischen Army-Beispiel und gibt in die Facebook Suchleiste nur das Wort „Selbsthilfegruppe“ ein, ahnt man, was passiert: unzählige geschlossene Micro-Communities, die sich mit dem Leiden Einzelner beschäftigen. Ich unterlasse an dieser Stelle weitere pathetische Rahmenerklärungen. Viel wichtiger ist es, dass auch solche Geschichten neben allen Best Cases und Benchmarks im Social Web erzählt werden müssen. Auch wenn sie meist nur eine Randnotiz sind.

So, beim nächsten Mal gibt’s dann wieder Listicles – mit Clickbaiting. Versprochen! 😀

Facebook-Therapie – Kann Social Media mehr als Memes und Clickbaits?- digital-services
Philipp Hühne ist Maisberger Weltenwandler: einer ersten Sozialisierung in der klassischen PR folgte die schritt- und sprungweise Erschließung weiterer analoger und digitaler Kommunikationsdisziplin. Sieht die Unternehmenskommunikation als großes Orchester, das aufeinander abgestimmt werden muss. Liebt Musik und Milchspeisen. Hat eine Abneigung gegen Croques und Hater (…).
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