Ist Donald Trumps Kampagnenansatz der Unwahrheiten und Widersprüche die perfekte Blaupause für erfolgreiche Unternehmenskommunikation?

 

Im ersten Teil unseres Gesprächs mit der Journalistin Inga Höltmann haben wir uns über Angriffe auf den Qualitätsjournalismus in Deutschland und die adäquaten Antworten auf diese Situation durch Medien und Medienschaffende unterhalten. Das Ergebnis können Sie hier lesen. Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Rolle der Unternehmenskommunikation im postfaktischen Zeitalter. Wie groß ist die Verführung den Erfolg von Donald Trumps Wahlkampagne auf das eigene Unternehmen zu übertragen? Muss sich erfolgreiche Unternehmenskommunikation den technologische Regelwerken der großen Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen unterwerfen? Spannende Fragen und noch spannendere Antworten…

 

Der Kampagnenansatz Donald Trumps der Unwahrheiten und Widersprüche war zwar umstritten, aber erfolgreich. Wäre er also nicht die perfekte Blaupause für die Unternehmenskommunikation? Oder was sonst können wir aus seinem zweifelhaften Erfolg für die Unternehmenskommunikation lernen?

 

Es ist verführerisch, aus dem Wahlsieg Donald Trumps abzuleiten, dass seine Kampagne die richtige war. Denn wenn man die Zahlen zusammenzählt und einen Strich drunter macht, stimmt das ja auch.

 

Doch es zählt eben mehr als das, was wir unmittelbar hinterher beziffern können. Die Leitfrage unseres Handelns sollte doch auch immer sein: Was passiert denn, wenn wir das zu unserem  generellen Verhaltensmaßstab machen? Langfristig richtiges Verhalten ist eben mehr als das, was wir kurzfristig anhand von Zahlen messbar machen können. Trump ist Präsident, ja, doch er hat schon jetzt das Klima in seinem Land verändert, das einem bange werden kann, wie diese Entwicklung weitergeht.

 

Ich plädiere entschieden für eine Renaissance von Moral und Ethik in Wirtschaft und Gesellschaft. Denn nur das ist, was langfristig nachhaltige Ergebnisse erzielt. Wir sollten nur das zu unserem Verhaltensmaßstab machen, was auch dann gute Ergebnisse erzielt, wenn viele sich so verhalten. Wenn die Ergebnisse nicht nur für unsere eigenen Ziele gut sind, sondern gesamtgesellschaftlich förderlich sind. Wenn uns das Netz etwas vor Augen führt, dann, dass alles zusammenhängt, alles miteinander vernetzt ist, nichts im luftleeren Raum passiert. Was also ist unsere Rolle in diesem Geflecht? Welche Effekte hat das, was wir tun, auf das große Ganze?

 

Auch Unternehmen sind Puzzlesteinchen unserer Gesellschaft. Manchmal vergessen wir das, manchmal denken wir, dass Gesellschaft und Wirtschaft irgendwie zwei verschiedene Sphären sind. Doch das ist nicht richtig. Jeder Unternehmenslenker beeinflusst mit seinen Entscheidungen nicht nur sein Unternehmen, sondern die gesamte Gesellschaft.

 

Die Welt da draußen wird immer komplizierter, das kann einen manchmal überfordern. Es wird immer schwerer, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Deshalb habe ich ja auch die Accelerate Academy gegründet: Das Rüstzeug, um mit diesem Wandel umgehen zu können, das kann man sich mit uns erarbeiten. Man steht nicht allein da, auch das ist die positive Botschaft der Academy.

 

Seit den US-Wahlen wird Facebook kritisiert, dass der Algorithmus des Netzwerks offensichtliche Falschmeldungen in der Timelines vieler Nutzer verbreitet und so die Wahl Trumps zum US-Präsident begünstigt hat. Wie beurteilen Sie die Macht von Facebook und wie können Unternehmen sich diese in ihrer Kommunikation zu Nutze machen?

 

Kommunikationskonzepte, die das Netz oder die Sozialen Netzwerke ausklammern, sind mir etwas rätselhaft. Richtige Kommunikation findet doch da statt, wo die Nutzer sind und wo sie die Informationen auch tatsächlich abrufen. Ich denke aber, dass Unternehmen sich nicht nur Gedanken machen sollten, was sie kommunizieren, sondern auch wie. Die Sozialen Netzwerke sind keine bloßen Linkschleudern, sondern sollten verstanden werden als Orte, an dem tatsächliche Kommunikation mit dem Nutzer stattfinden kann – das ist eine große Chance. Vielleicht die größte Chance, die Unternehmenskommunikation je hatte.

 

Das postfaktische Zeitalter wird durch unsere Internetgesellschaft begünstigt, die immer wieder auch als „Nichtwissenwollengesellschaft“ bezeichnet wird. Stattdessen wird Google mit Wissen gleichgesetzt, man braucht sich scheinbar nichts mehr selbst zu merken. Was bedeutet das für die Unternehmenskommunikation? Sollte der volle Fokus darauf liegen, zu möglichst vielen Fragen als Antwort bei Google gefunden zu werden?

 

Bei Google kann man alles finden, ja. Doch die schiere Datenmenge, die Google zugänglich macht, ist ja noch kein Wissen. Wissen wird es dann, wenn der einzelne es einordnen und einschätzen kann. Für Unternehmen bedeutet das: Ich muss meine Informationen zuallererst einmal zugänglich machen und transparent im Netz kommunizieren. Das ist im Übrigen ja auch, was die Nutzer erwarten. Für die Unternehmenskommunikation bedeutet das aber auch, sich auf die Augenhöhe des Nutzers zu begeben. Nicht belehren, sondern sich ehrlich fragen: Was kann ich dem Nutzer anbieten, was er wirklich braucht? In der Kommunikation über die Sozialen Netzwerk liegt die große Chance für Unternehmen, einen echten Mehrwert zu schaffen.

 

Wie muss Unternehmenskommunikation im postfaktischen Zeitalter aussehen, um den sozialen Medien und dem aktuellen Nutzerverhalten zu entsprechen?

 

Die Faustformel ist simpel: Unternehmenskommunikation sollte vom Nutzer her denken. Ein Produkt macht nur dann einen Sinn, wenn es einen konkreten Nutzen für ihn erfüllt. Kein Kunde interessiert sich einfach nur so für ein Unternehmen, sondern ihn interessiert, was es ihm anbietet, welches Bedürfnis es befriedigt. So einfach das gesagt ist, so schwierig ist es, das umzusetzen. Was uns das Netz ja auch tagtäglich vor Augen führt: Niemand will immer nur Schwarzbrot. Gute Kommunikation im Netz ist tatsächlich eine andauernde Gratwanderung zwischen Information und Unterhaltung. Übrigens ist das auch etwas, was moderne Unternehmenskommunikation teurer macht: Es braucht ein gutes Konzept, viel Manpower und echte Profis, die sich darum kümmern.

 

 

Inga Höltmann

Kurzbio: Inga Höltmann

Inga Höltmann (www.ingahoeltmann.de) ist Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership. Sie tritt bei Podiumsdiskussionen auf, hält Vorträge und bietet Workshops an. Außerdem ist sie Gründerin der digitalen Führungskräfte-Akademie “Accelerate Academy”  und engagiert sich bei den Digital Media Women #DMW, einem Netzwerk für Frauen in der Digitalbranche. Inga Höltmann (@ihoelt) ist ausgebildete Wirtschaftsjournalistin in Berlin und arbeitet u.a. für den Berliner Tagesspiegel und das Deutschlandradio Kultur.

Hier geht´s zum ersten Teil unseres Interviews:

„Postfaktisches Zeitalter und Fake News: wie sich Medien durchsetzen können“

 

 

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