„Ist die Studie denn repräsentativ?“ Für Medienvertreter spielt diese Frage eine wichtige Rolle. Denn im Pressekodex des Deutschen Presserates ist verankert, dass bei Umfrageergebnissen immer mitgeteilt werden muss, ob diese repräsentativ sind. Wir haben dies zum Anlass genommen und bei den Experten von TNS Infratest nachgefragt. Vielen Dank an Oliver Janßen für diesen Blogbeitrag.

Die fünf W‘s der Repräsentativität

Es klingt wie ein wissenschaftliches Qualitätssiegel für eine Umfrage und wirkt viel seriöser als „eine gute Studie hat ergeben…“. Repräsentativität schafft Vertrauen in die Ergebnisse und ist zur Recht eine häufig gestellte Forderung bei der Durchführung von Studien. Aber wann ist eine Studie repräsentativ? Um es gleich vorweg zu nehmen und mit einer weitläufigen Fehleinschätzung aufzuräumen: Repräsentativität hat eigentlich nichts mit der Anzahl der Interviews zu tun! … oder vielleicht ein wenig.

Es gibt keine allgemeingültige, wissenschaftliche Definition für Repräsentativität. Geschweige denn eine Regel, anhand derer eindeutig bestimmbar wäre, ob eine Studie repräsentativ ist. Allerdings lässt sich leicht feststellen, wann sie es nicht ist.

Oliver Janßen
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Oliver Janßen

Senior Director, TNS Infratest

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WER repräsentiert die gesamte Gruppe?

Dazu ein einfaches Beispiel: Wenn ich wissen möchte, ob die deutsche Bevölkerung eher für oder gegen die Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen ist, wäre es sehr aufwändig, alle Bundesbürgerinnen und -bürger zu befragen. Also wird eine Gruppe ausgewählt, die stellvertretend für alle befragt wird. Diese Stichprobe soll die deutsche Bevölkerung, das heißt die Grundgesamtheit, repräsentieren. Die Ergebnisse der Befragung lassen Rückschlüsse auf die Meinung der Grundgesamtheit zu. Werden nur Männer befragt, ist das Ergebnis nicht repräsentativ – unabhängig davon, ob 100 oder 100.000 Männer befragt wurden. Wählen wir korrekterweise 50 Prozent Männer und 50 Prozent Frauen, die allerdings alle aus Hamburg kommen, kein Auto besitzen und zwischen 20 und 30 Jahre alt sind, wäre auch hier das Ergebnis unabhängig der Größe der Stichprobe nicht repräsentativ.

Dieses Beispiel verdeutlicht, dass für eine repräsentative Studie in erster Linie eine Stichprobe benötigt wird, die in ihrer Zusammensetzung und in der Struktur der relevanten Merkmale der Grundgesamtheit möglichst ähnlich sein muss.

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WIE werden die Befragten ausgewählt?

Ebenso zeigt es, dass das Auswahlverfahren für die Stichprobe von entscheidender Bedeutung ist. Ein Zufallsverfahren, bei dem jeder einzelne aus der Grundgesamtheit die gleiche Chance hat, in die Stichprobe zu kommen, wäre ideal, ist aber in der Praxis nicht realisierbar. Wird die Auswahl nicht gesteuert, können zudem durch systematische Fehler die oben beschriebenen Stichprobenprobleme auftreten. Deshalb behilft man sich oft mit einer Kombination aus Zufallsverfahren und Quotensteuerung. Bei dieser wird festgelegt, mit welchen Anteilen Personen mit bestimmten Merkmalen in der Stichprobe vertreten sein sollen.

WIE und WANN wird befragt?

Auch das WIE und WANN der Befragung spielt eine große Rolle. Dies wiederum ist sehr stark von der Fragestellung, der Zielgruppe (beispielswiese B2B oder B2C) und dem situativen Kontext abhängig. Der Zeitpunkt sollte bei einer B2B-Befragung beispielsweise nicht mit einer Branchenmesse oder der Hochsaison für einen Teil der Zielgruppe kollidieren. Was die Methode anbetrifft, wäre es ungeschickt, eine Befragung über das Festnetz durchzuführen, wenn ein Teil der Zielgruppe sehr mobil ist. Beides würde systematisch dazu führen, dass Teile der Grundgesamtheit in der Stichprobe unterrepräsentiert sind. Hier gilt es durch ein passendes Studiendesign entsprechenden gegenzusteuern.

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WIE VIELE: Spielt das denn überhaupt keine Rolle??? Doch…

Eine entsprechende Mindestgröße der Stichprobe führt zum einen dazu, dass eine heterogene Grundgesamtheit in all ihren Merkmalsausprägungen Einzug in die Stichprobe halten kann. Zum anderen wird das Ergebnis mit zunehmender Stichprobengröße genauer.

Auch hier ein Beispiel: Werfe ich einen Würfel nur dreimal, können nicht alle sechs Seiten vertreten sein. Werfe ich den Würfel aber 60 oder sogar 300 Mal, ist zum einen davon auszugehen, dass alle Zahlen eins bis sechs repräsentiert sind. Zum anderen wird sich das Ergebnis immer mehr einer Gleichverteilung über alle sechs Zahlen annähern. Somit bilden 300 Würfe bereits sehr gut ab, wie das Ergebnis bei zig Millionen Würfen ausfallen würde.

So viele sollten es mindestens sein!

Die deutsche Bevölkerung lässt sich nicht oder nur sehr schwer mit der Auswahl von beispielsweise 100 Personen passend über die Merkmale Alter, Bundesland, Bildung, Berufstätigkeit und deren Kombinationen aussteuern. Um dies zu erreichen und hier zuverlässige Aussagen machen zu können, sollten mindestens 500, besser 1.000 Personen befragt werden. Bei einer B2B-Studie über verschiedene Branchen, Größenklassen und Regionen ist eine Stichprobe ab 120, besser 200 Befragten empfehlenswert.

„Repräsentativ“ ist eine Studie also dann, wenn eine Stichprobe in ihrer Zusammensetzung und in der Struktur relevanter Merkmale möglichst ähnlich der Grundgesamtheit ist. Dies wird durch ein optimales Auswahl- und Befragungsverfahren erreicht. Werden dann die Stichprobengröße bzw. die Anzahl der Interviews erhöht, nimmt die Genauigkeit der Ergebnisse der Studie und damit die Sicherheit der Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit zu.

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