Von Donald Trump in nahezu täglicher Taktung abgewatscht und durch Fake-News- Geschrei in den sozialen Medien und Filterblasen untergraben: der Qualitätsjournalismus ist in der Defensive. Doch nach Jahren des Rückbaus des Qualitätsjournalismus gibt es auch gegenteilige Zeichen, wie das Beispiel der Washington Post zeigt, die mit dutzenden Neueinstellungen gegen Falschmeldungen, Hate Speeches und für eine Stärkung des investigativen Journalismus ins Feld zieht. Wir haben ein Interview mit der Gründerin und Journalistin Inga Höltmann zum Status des Journalismus in Deutschland und den möglichen Auswirkungen von Donald Trumps Wahlerfolg auf Stoßrichtungen der Unternehmenskommunikation geführt. Herausgekommen ist ein sehr lesenswertes Interview, das wir auf unserem Blog in zwei Teilen präsentieren: Der erste Teil widmet sich dem Journalismus. Das Gespräch zur Unternehmenskommunikation folgt in Kürze.

Wie unterscheidet sich für Sie als Journalistin das postfaktische Zeitalter von einem vorangegangenen Zeitalter? Hat es je ein faktisches Zeitalter gegeben?
Der Begriff „postfaktisch“ hat im letzten Jahr eine ziemlich steile Karriere hingelegt, das stimmt. Kürzlich wurde er ja sogar von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum „Wort des Jahres“ gekürt. Er ist meiner Meinung nach eine relativ hilflose Beschreibung dafür, dass wir das diffuse Gefühl haben, dass uns gerade bei großen und wichtigen Themen die Kontrolle entgleitet, wer was publiziert, wer was liest und wer was glaubt. Ob es um die Zuwanderung von Geflüchteten geht, um Europa und seine Zukunft oder auch Amerikas politische und gesellschaftliche Zukunft, die Debatten werden kontrovers geführt und an vielen Orten offline und online gleichzeitig.

Dabei ist die Wahrheit doch, dass wir diese Kontrolle noch nie hatten. Wahr ist aber auch: Die Debatten haben durch das Internet eine andere Wucht bekommen. Ohne eine redaktionelle Prüfung kann jeder im Internet publizieren, was er möchte. Und wir kennen die Mechanismen des Netzes: Es kann wie ein Lautsprecher wirken und was da verstärkt wird, folgt oftmals ganz eigenen Regeln.

Was die positive Wirkung des Internets ausmacht, dass es einen Ort für Debatten bietet, niedrigschwellig und demokratisch ist, die „alten“ Medien wertvoll ergänzen kann, ist gleichzeitig auch der Nährboden für seine dunklen Seiten. Ganz einfach kann man eben auch Verschwörungstheorien oder rechtes Zeug hineinschreiben. Das Netz ist eben nicht per se gut oder schlecht, sondern es ist so gut wie die Nutzer, die darin aktiv sind. Und das ist gleichzeitig auch die gute Nachricht daran: Jeder einzelne von uns kann daran mitgestalten und helfen, das Netz zu erschaffen, das wir haben wollen.

„Der Qualitätsjournalismus hat an Glaubwürdigkeit verloren“, würden Sie dieser Aussage zustimmen? Woran liegt das und welche Wege muss der Qualitätsjournalismus gehen, um wieder eine meinungsbildende Macht zu bekommen?
Ich finde es richtig, die Medien kritisch zu betrachten und ich schätze auch die zusätzliche Ebene, die das Internet der Medienkritik hinzugefügt hat. Was da passiert, ist oft sehr kenntnis- und facettenreich. Und ich denke auch, dass es den Medienhäusern sehr gut getan hat, sich mit dieser Kritik auseinander zu setzen. Wir Journalisten müssen verstehen und anerkennen, dass wir nicht mehr die alleinige Deutungshoheit haben.

Gleichzeitig sehen wir aber gerade auch eine ganz und gar erstaunliche Gegenentwicklung: Während auf der einen Seite klassischen Medien oder Politikern grundsätzlich misstraut wird, wird anderen Quellen zu leicht geglaubt. Im Netz blubbert ja so einiges vor sich hin und man kann sich dort ganz leicht zusammensuchen, was in die eigene Weltanschauung passt.

Ich denke, dass es die Aufgabe des klassischen Journalismus ist, sich genau damit auseinander zu setzen, das zu sezieren und zu erklären. Was im Netz passiert, ist ja nichts, was dort verbleibt, sondern das Internet ist unsere Gesellschaft.

Eine neue Studie aus den USA zeigt, dass Jugendliche dort nicht mehr zwischen journalistischen Nachrichten und Falschmeldungen oder werblichen Texten unterscheiden konnten. Wie sollten Medien auf diese Ergebnisse reagieren? Braucht es neue Gatekeeper?
Dass Journalisten nicht mehr die alleinigen Gatekeeper sind, ist eigentlich eine gute Nachricht. Das Internet hat die Wissensvermittlung und den Meinungsaustausch demokratisiert: Jeder kann sich äußern, jeder kann etwas beitragen, nicht nur Journalisten in ihren Redaktionen.

Die Frage nach neuen Gatekeepern läuft aber etwas in die Irre, denke ich, denn die alten Zeiten kommen nie wieder zurück. Die Entwicklung, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, ist unumkehrbar: Das Internet ist da, es geht nicht mehr weg, und jeder kann sich darin austoben. Gatekeeper kann es nur noch sehr begrenzt für die einzelnen Angebote im Netz geben.

Deshalb sollten wir auf die Konsumenten schauen: Wie müssen wir sie ausrüsten, damit sie zu mündigen Nutzern werden? Wie vermitteln wir diese Medienkompetenz?

Es gruselt mich, wenn ich sehe, was in unseren Schulen los ist. Genauso, wie wir unseren Schülern Lesen und Schreiben beibringen, sollten wir ihnen Internetkompetenz vermitteln. Ja, ich behaupte, dass der Umgang mit dem Internet in Zukunft eine basale Kulturtechnik wie Lesen und Schreiben sein wird.

Wichtig ist aber auch, dass wir endlich begreifen, dass Lernen nicht mit dem Schulabschluss endet. Alle reden vom lebenslangen Lernen, viel zu wenige tun es – bisher konnte man sich so ganz gut durchmogeln, in Zukunft nicht mehr.

Haben Medienschaffende Angst, dass ihre Artikel nicht mehr konsumiert werden, wenn sie sich zu kritisch äußern? Welche Möglichkeiten haben Medien, die Filterblasen der Menschen zu durchdringen?
Filterblasen haben meiner Meinung nach zwei Gründe: Einerseits sind sie technologisch produziert, zum Beispiel durch Algorithmen. Andererseits kann man auch als Filterblase bezeichnen, was im Kopf eines Menschen passiert: Reduktion der Komplexität durch das Anwenden von persönlichen Filtermechanismen. Ich kann nicht alles konsumieren, ich kann nicht alles verstehen, also fange ich an auszuwählen.

Ich persönlich habe keine Angst vor dem Internet. Ich schätze, was es den Debatten hinzufügt und sehe das als Gewinn. Zugegeben, Kritik kommt prompt und sie kann einem sehr nahe gehen. Doch unterm Strich ist sie Bereicherung und Ergänzung.

Medienschaffende sollten die Existenz von Filterblasen erkennen und zur Aufklärung und Medienbildung beitragen. Denn niemand anderes kann versuchen, solche Filterblasen zu überwinden, als nur der Nutzer allein. Journalisten können alles Mögliche ins Netz hinein schreiben, wenn es immer nur von den gleichen Menschen gelesen wird, ist das alles vergebene Müh‘.

Ein Großteil der (deutschen) Medien hat mit seiner Einschätzung bei Brexit und US-Wahl falsch gelegen. Hat Sie persönlich das erstaunt?
Ja, es war erstaunlich, wie daneben wir mit unseren Prognosen lagen – es war ja nicht nur die Berichterstattung, sondern auch die Erhebungen, die ein gänzlich falsches Bild zeichneten.

Was die Berichterstattung angeht: Für mich ist das vor allem ein Zeichen, wie entkoppelt Medienschaffende bereits von weiten Teilen des Netzes sind. Was das für die Bundestagswahl bedeutet? Auch hier werden wir erst hinterher schlauer sein. Ich hoffe aber, dass wir bereits etwas gelernt haben. Denn darum geht es ja: Zu analysieren, was passiert ist, um daraus Folgerungen für die Zukunft abzuleiten. So hoffe ich, dass zum Beispiel die Debatte um Fake News positive Auswirkungen hat.

Kurzbio: Inga Höltmann

Inga Höltmann (www.ingahoeltmann.de) ist Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership. Sie tritt bei Podiumsdiskussionen auf, hält Vorträge und bietet Workshops an. Außerdem ist sie Gründerin der digitalen Führungskräfte-Akademie “Accelerate Academy”  und engagiert sich bei den Digital Media Women #DMW, einem Netzwerk für Frauen in der Digitalbranche. Inga Höltmann (@ihoelt) ist ausgebildete Wirtschaftsjournalistin in Berlin und arbeitet u.a. für den Berliner Tagesspiegel und das Deutschlandradio Kultur.

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